Wenn Mitarbeitende schwer erkranken: Zwischen Fürsorge und Verantwortung
Teil 1: Wenn Mitarbeitende schwer erkranken: Zwischen Fürsorge und Verantwortung
Montagmorgen, 8:40 Uhr. Eine Nachricht: „Ich bin krankgeschrieben. Es wird wohl länger dauern.“ Mehr steht da nicht. Und doch ahnen Sie in diesem Moment, dass sich gerade etwas verändert, nicht nur für Ihren Mitarbeiter, sondern für Ihr ganzes Team.
Zwei Ebenen, die gleichzeitig wirken
Zuerst fällt auf, was liegen bleibt: Projekte ohne Verantwortliche, verschobene Termine, offene Mails. Hier handeln die meisten Führungskräfte sofort, und das ist richtig.
Gleichzeitig passiert etwas, das in keinem Projektplan steht. Menschen machen sich Sorgen. Sie fragen sich, ob sie fragen dürfen. Manche fürchten, dass jetzt noch mehr Arbeit auf ihrem Tisch landet. Andere erinnern sich an eigene Erfahrungen mit Krankheit. Wo Informationen fehlen, entstehen Vermutungen.
Der Reflex: Jetzt führe ich
In meiner Arbeit beobachte ich in dieser Situation immer wieder dasselbe Muster: Der Führungsstil wechselt plötzlich. Auch Teams, die sonst auf Augenhöhe zusammenarbeiten, werden auf einmal top-down geführt. Die Führungskraft verteilt Aufgaben, entscheidet allein, nimmt dem Team ab, was sie nur kann. Die Absicht ist gut: entlasten, Sicherheit geben, Handlungsfähigkeit zeigen.
Nur: Das ist nicht immer das, was das Team braucht. Wer plötzlich anders geführt wird als sonst, spürt vor allem eines: Hier stimmt etwas nicht. Die Unsicherheit wächst, statt kleiner zu werden. Und die Führungskraft trägt eine Last, die sie auf Dauer nicht tragen kann.
Stärke heißt nicht, Aufgaben abzunehmen
Stärke in dieser Situation heißt, dem ganzen System zu helfen, einen Umgang mit der neuen Situation zu finden. Das ist ein Unterschied. Statt zu sagen „Ich regle das“, fragen Sie: „Wie wollen wir das gemeinsam regeln?“ Statt alles abzufangen, geben Sie dem Team Raum, sich selbst neu zu sortieren, mit klarem Rahmen und mit Ihnen als Ansprechperson.
Das gilt auch für Sie selbst. Als Führungskraft stehen Sie in einer doppelten Rolle: Sie sind Mensch und oft selbst betroffen. Und Sie sind verantwortlich dafür, dass die Arbeit weitergeht. Beides gleichzeitig zu halten, ist anspruchsvoll. Es hilft, sich das einzugestehen, statt eine der beiden Seiten wegzudrücken.
Was am Ende steht
Ein Team, das informiert ist, statt zu spekulieren. Eine Führung, die Orientierung gibt, ohne alles allein zu tragen. Und ein gemeinsamer Umgang mit der Situation, der auch in einigen Wochen noch trägt.
Fazit
Ein plötzlicher Ausfall verändert das Gleichgewicht im Team. Die erste Aufgabe von Führung ist nicht, dieses Gleichgewicht allein wiederherzustellen, sondern dem Team zu helfen, ein neues zu finden.
Nächste Woche in Teil 2: Die ersten Tage. Was Sie mit der erkrankten Person klären sollten, bevor Sie mit dem Team sprechen, und was Sie sagen dürfen.
Ich bin Daniela Wilberg, systemische Organisationsentwicklerin. Sie stehen gerade mitten in dieser Situation? In einem Erstgespräch sortieren wir, was Ihr Team jetzt braucht.
Ab Januar 2027: Akut-Sprechstunde für Führungskräfte.