Das informelle System verstehen: Was Organisationen unter der Oberfläche wirklich bewegt
Das informelle System entscheidet oft über Erfolg oder Scheitern von Veränderungen. Systemische OE macht es sichtbar und nutzbar.
„Offiziell haben wir flache Hierarchien – aber in Wirklichkeit…“ – Solche Sätze höre ich häufig in Beratungen. Das, was offiziell gilt, steht im Organigramm. Das, was wirklich wirkt, liegt oft darunter: das informelle System. Wer es ignoriert, scheitert oft an gut gemeinten Strukturmaßnahmen. Wer es versteht, kann Veränderung wirksam begleiten.
Was ist das informelle System?
Es umfasst alles, was nicht schriftlich geregelt ist – aber wirksam ist:
Wer entscheidet wirklich?
Wer spricht mit wem – und über wen?
Wo fließen Informationen zuerst?
Beispiel aus einem Potsdamer Unternehmen:
In einem wachsenden Architekturbüro liefen alle Entscheidungen über die Büroleiterin. Formal gab es Bereichsleitungen, doch de facto wurde jede wichtige Abstimmung an ihrem Schreibtisch getroffen. Als sie krankheitsbedingt mehrere Wochen ausfiel, brach die Kommunikation zusammen. Die „offizielle“ Struktur konnte das nicht auffangen. Erst durch eine Analyse des informellen Systems – Kommunikationsbeziehungen, Einflussachsen, Gewohnheiten – konnte man verstehen, was fehlte. Ergebnis: nicht eine neue Hierarchie, sondern neue Gesprächsräume.
Systemische Perspektive:
Das informelle System ist kein „Störfaktor“, sondern der soziale Kitt einer Organisation. Es trägt häufig die kulturelle Identität, prägt das Vertrauen – und entscheidet, ob formale Veränderungen überhaupt angenommen werden.
Ein weiteres Beispiel:
Ein kleiner Industriebetrieb hatte ein neues Führungskräfteentwicklungsprogramm eingeführt – mit wenig Erfolg. Erst eine systemische Betrachtung zeigte: Die informellen Vorbilder im Betrieb waren nicht die offiziellen Führungskräfte, sondern langjährige Mitarbeitende ohne disziplinarische Rolle. Diese wurden weder einbezogen noch gewürdigt. Die Folge: Sabotage durch Rückzug. Nach einem gemeinsamen Workshop wurden genau diese „stillen Träger“ zu Mentoren des neuen Programms – mit spürbarem Erfolg.
Zugänge zum informellen System:
Soziogramme oder Mapping von Beziehungen
Narrative Interviews („Erzählen Sie mir vom letzten Projekt, das richtig gut lief…“)
Aufstellungen mit Symbolen oder Personen
Fazit:
Wer das informelle System sieht, sieht mehr. Und: Wer es anerkennt, kann nachhaltiger entwickeln. Denn gerade in KMU ist dieses unsichtbare Netzwerk oft das Entscheidende – nicht die schönste PowerPoint-Struktur.
Ich bin Daniela Wilberg, systemische Organisationsentwicklerin. Wenn Sie mehr erfahren möchten: Lesen Sie gern weitere Artikel oder treten Sie mit mir in Kontakt.