Wenn alle recht haben – systemische Auftragsklärung bei widersprüchlichen Erwartungen
Unterschiedliche Erwartungen an eine Beratung sind normal – aber oft unausgesprochen. Systemische Auftragsklärung bringt Klarheit in komplexe Ausgangslagen.
„Das Team will mehr Selbstorganisation, die Geschäftsführung wünscht sich mehr Kontrolle – und ich stehe dazwischen.“ – Diese Aussage einer Führungskraft in einem mittelständischen Logistikbetrieb bringt ein häufiges Spannungsfeld auf den Punkt: Unterschiedliche Erwartungen an eine OE-Maßnahme. Und: Alle haben aus ihrer Perspektive recht.
Systemische Auftragsklärung heißt:
nicht: Was soll ich tun?
sondern: Wer erwartet was – und in welchem Kontext?
Ein Praxisbeispiel:
Ein Beratungsprojekt in einem Familienbetrieb für technische Dienstleistungen startete mit dem Wunsch, „die Teamkommunikation zu verbessern“. Schnell zeigte sich: Der Inhaber wollte vor allem Ruhe im Betrieb – das Team aber wünschte sich echte Mitsprache. Die Personalabteilung wollte „professionalisieren“, die operative Ebene sehnte sich nach Wertschätzung. Die Kunst bestand darin, all diese Stimmen zu hören – und nicht vorschnell einen scheinbar einheitlichen Auftrag zu formulieren.
In einem moderierten Auftragsklärungsgespräch mit allen Beteiligten legten wir Widersprüche offen, ohne sie lösen zu müssen. Erst durch das gemeinsame Anerkennen der Unterschiedlichkeit entstand Raum für einen echten Auftrag: nicht „Kommunikation verbessern“, sondern „gemeinsam verstehen, wie wir Zusammenarbeit gestalten wollen“.
Warum das in KMU besonders heikel ist:
In kleineren Organisationen gibt es oft doppelte Rollen – z. B. als Vorgesetzter, Kollegin, Inhaber*in. Erwartungen sind selten neutral und häufig emotional aufgeladen. Systemische Auftragsklärung bringt diese Dynamik in die Sprache – nicht, um sie zu bewerten, sondern um sie bewusst zu machen.
Werkzeuge für die Praxis:
Kontext-Interviews mit Schlüsselpersonen
Visualisierung widersprüchlicher Zielrichtungen
Gemeinsame Ziel- und Auftragskonferenzen
Fazit:
Systemische OE beginnt nicht mit Konzepten, sondern mit Beziehungsklärung. Wo es gelingt, unterschiedliche Erwartungen sichtbar zu machen – ohne vorschnelle Einigung –, entsteht tragfähige Zusammenarbeit. Denn: Wer auftragsklar startet, geht seltener in die Irre. Und wenn doch, weiß man wenigstens, warum.
Ich bin Daniela Wilberg, systemische Organisationsentwicklerin. Wenn Sie mehr erfahren möchten: Lesen Sie gern weitere Artikel oder treten Sie mit mir in Kontakt.